Drei riesige Kriegsschiffe liegen angriffsbereit bei schultz contemporary vor Anker. Aber schon beim ersten Hinschauen zweifelt man an ihrer Einsatzbereitschaft. Sie liegen traurig da, als seien sie gerade in einem schweren Gefecht arg ramponiert worden. Ihre Kanonen zerstört, die Schiffsplanken beschädigt. Auf allen drei Schiffen stehen Reste antiker griechischer Tempel und ägyptischer Pyramiden.
Der Nürnberger Künstler Alexander Seiler schuf diese monströsen "Marinen" aus Gips (bis zu 800 Kilogramm schwer). Doch von welcher Zeit künden sie? Sind sie Geschichteoder erzählen sie von heute? Mit dem Titel "Panthersprung" verweist Seiler auf die zweite Marokkokrise, die 1911 zwischen Deutschland und Frankreich durch die Entsendung des Kanonenbootes SMS Panther ausgelöst wurde. Koloniale Machtansprüche beider Staaten verursachten Streit.
Seiler vernetzt geschichtliche Tatsachen mit Anspielungen auf das Hier und Heute. Ist ein Problem überhaupt mit militärischer Gewalt zu lösen? Die Geschichte sagt nein. Seilers Kunst untermauert dies. Denn selbst die kleinen Rettungsboote, die auf den großen Schiffen vereinzelt platziert sind, versprechen keine wirkliche Rettung.

Alexander Seiler: Panthersprung (Schultz Contemporary Berlin)
“Ich bin ein fröhlicher Pessimist”Wie bereits hier angeku¨ndigt, stellt Alexander Seiler einige seiner faszinierenden Objekte in der Berliner Galerie Schultz Contemporary aus. Die großformatigen Arbeiten lohnen den Besuch der Ausstellung “Panthersprung” (28.2.-18.4.2009).Die drei gezeigten Objekte sind allesamt Schiffe. Auf den ersten Blick muten die gut fu¨nf Meter langen Werke aus Gips wie normale Kriegsschiffe an schlanke Silhouette, Geschu¨tztu¨rme, Aufbauten mit Kommandobru¨cke. Doch schnell stellt der Betrachter fest, dass der Ku¨nstler durch architektonische Elemente etwas Neues zu schaffen wusste:

Kleine Bilder von: Barke des Oligarchen - Kenotaph; Mutterschiff; Panthersprung II

Die “Barke des Oligarchen – Kenotaph” (Gips, 2008, 135 x 85 x 465 cm, 16.000 €) ist nicht wirklich eine Barke: der Titel reflektiert ironisch die “Yachten” jener moderner Wirtschaftsbarone, die gern das Format veritabler Flugzeugträger angenommen haben. Der zweite Teil des Titels mag auf denStaat oder gar unsere Gesellschaftsform verweisen: als Ehrenzeichen fu¨r eine einst glanzvolle, nun gänzlich vergangene Zeit. Das Schiff mit demlanggezogenen Rumpf eines Kreuzers ist, so Seiler, “zuerst einmal ein Staatsschiff” auf dem sich so manches findet, “was den Staat vorantreibt”:1 Eine Fabrikhalle mit dem typischen Sheddach bildet das Zentrum, ein Obelisk dient als Mast und wirkt doch wie ein Schlot aus der Gru¨nderzeit. Der in seinem Umfang mächtige Schornstein ist kurz, wie gekappt, gesprengt, wie so viele Fabrikschlote. Davor ein tempelartiger großer Aufbau mit dorischen Säulen an den Seiten, der verschiedenste Deutungen zuläßt: es mag ein religiöser Huldigungsort sein – oder doch eine Markthalle oder eine Börse, Orte der Huldigung des Geldes. Auch ein prunkvolles Regierungsgebäude könnte auf dem Mittelschiff stehen, dessen Säulen Platz zwischen burgzinnenartigen Aufbauten finden. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen: die Fabrik ist abgewirtschaftet,das Schiff marode.

Das “Mutterschiff” (Gips, 2008, 110 x 85 x 495 cm, 16.000 €) ist hingegen in seiner Anmutung ein klares Schlachtschiff: die Hauptbewaffnung besteht aus Drillingstu¨rmen, deren Geschu¨tzrohre aus Säulen bestehen: ungleichmäßig ausgerichtet, nach unten zeigend, gebrochen gar. Die beiden Schornsteine sind gleichfalls Säulen, während die komplexen, verwinkelten Aufbauten mehr als nur windschief dem Meer trotzen: das Schiff scheint so manche Schlacht geschlagen zu haben – nun möchte man es lieber in einer Werft als auf hoher See sehen. Wie die anderen Schiffe auch ist es nicht gänzlich symmetrisch gebaut: hier hängt noch ein trauriges Boot an einem Davit, dort wurden verquere Aufbauten hinzugefu¨gt. Ebenso interessant ist das auf einem kurzen Katapult befestigte Bordflugzeug: es besitzt keine Schwimmer fu¨r eine Wasserung. Seine Benutzung wird somit zum Flug ohne Wiederkehr.
Das fu¨r die Ausstellung namensgebende Schiff “Panthersprung II” (Gips, 2004, 75 x 65 x 475 cm, 14.000 €) verweist auf den “Panthersprung nachAgadir” aus dem Jahr 1911, der Zweiten Marokkokrise zur Kaiserzeit, einem Beispiel imperialer “Kanonenbootpolitik”, in der mit DrohgebärdenEinfluss- und Machtgewinn gesucht wurde. Dieser Versuch schlug fehl, und ebenso zerschlagen wirkt auch dieses Schiff mit seinen traurig-impotent hängenden Geschu¨tzrohren aus Säulen und dem tempelartigen Dreiecksgiebel u¨ber der Kommandobru¨cke. Die Aufbauten wirken zusammengeschossen,der langgestreckte Rumpf liegt schräg.
Die Panzerplatten des Rumpfes erinnern immer wieder an eine rissige, alte Haut.Seiler sieht den “Untergang des Abendlandes” als „passende Assoziation, die ich durchaus auch verfolgt habe”. Er arbeitet viel mit Gips, “einer Art Ursubstanz, ein bisschen wie die Ursuppe”. Das Material ist perfekt fu¨r die Werke: vom einstmals strahlenden Weiß und der Glätte ist wenig geblieben.
Die Werke dru¨cken Vergänglichkeit und Verfall aus, als seien die Schiffe schon seit Jahrtausenden auf See. Werden sie jemals u¨berholt werden, oder werden sie eher abgewrackt – oder sehen sie vielmehr ihrer Versenkung entgegen? Die architektonischen Elemente nehmen jedenfalls immer wieder Bezug nicht nur zur Geschichte, sondern vor allem zur Kultur auf: ist auch ihre Zeit gekommen? Was sind die Werte, die verteidigt oder auch so selbstherrlich wie siegesgewiss in die Schlacht getragen wurden?

“Was mir sehr aufstößt”, so Seiler, “sind diese Gutmenschfaschisten, diese moralinsauren Ablaßhändler in ihrer ganzen Verlogenheit, die in keinster Weise echtes Bemu¨hen um so etwas wie Wahrheit oder Aufklärung zeigen, sondern denen es nur darum geht, ihre eigene Sittlichkeit unter Beweis zustellen.” Er arbeitet zur Zeit an einem “Nürnberger Schachspiel”: “Ich denke, das wird eine schöne, provokante Nummer.” Da ist er wieder, der fröhliche Pessimist.